Interview in der FR

29.04.2016

Wir müssen die Äcker bebauen

„Wir müssen die Äcker bebauen“

Autor Christoph Manus

Bereits Ende 2014 fehlten in Frankfurt rein rechnerisch 30.000 Wohnungen. Der Bedarf ist seitdem weiter gestiegen. Der Frankfurter Stadtplaner Martin Wentz spricht im FR-Interview über Wege gegen eine Eskalation der Wohnungsnot.

Herr Wentz, laut Amt für Wohnungswesen fehlten Ende 2014 rechnerisch 30 000 Wohnungen in Frankfurt. Und die Nachfrage dürfte weiter wachsen. Hat die Stadt überhaupt eine Chance, diese zu decken?

  • Die Stadt weiß spätestens seit 2011, dass der Wohnungsmangel enorm steigt. Sie handelt aber nicht energisch. Bei jetzt wahrscheinlich 35 000 fehlenden Wohnungen kann ich eigentlich kaum noch ruhig schlafen. Zu prüfen wäre, ob die Verwaltungsstruktur und -abläufe wirklich auf diese Herausforderung eingestellt sind. Hierin liegt die politische Verantwortung.

2014 sind nach Zahlen der Stadt 2801, nach Zahlen des Landes 4418 Wohnungen in Frankfurt entstanden. Ist die Stadt damit auf einem richtigen Weg? Oder ist das viel zu wenig?

  • Welch ein statistischer Wirrwarr. Gemessen an dem schon vorhandenem Mangel und einem Zuzug von etwa 15 000 Menschen im Jahr, müssten in Frankfurt jedes Jahr 6000 Wohnungen gebaut werden. In diesen Zahlen ist der Bedarf von Flüchtlingen nicht einmal enthalten.

Wächst die Bevölkerung denn nicht auch, weil neue Wohnungen entstehen?

  • Das ist ein Trugschluss. Die Zuziehenden, die ein ausreichendes Einkommen haben, werden immer Wohnungen finden. Deshalb stiegen ja die Wohnungspreise und Mieten seit 2007 extrem an. Sie verdrängen dabei Familien, die ein geringes Einkommen haben. Diese müssen enger zusammenziehen oder weichen. Sie sind die Leidtragenden dieses Prozesses. Das wird sich bei Wahlen politisch rächen.

Ist es denn überhaupt erstrebenswert, dass Frankfurt einmal 850 000 Einwohner hat oder noch mehr? Oder gibt es eine Grenze des Wachstums?

  • Wir werden nicht gefragt, ob wir weiter wachsen wollen. Die Menschen kommen, weil die Lebensbedingungen gut sind, weil es hier Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt. Gott sei dank! Dass sie Menschen mit niedrigen Einkommen verdrängen, können wir nicht durch ein Schließen der Stadtgrenzen stoppen, sondern nur, indem wir mehr Wohnungen bauen.

Wo in Frankfurt könnten die neuen Wohnungen entstehen?

  • In Frankfurt gibt es – ohne den geschützten Grüngürtel – noch rund 6000 Hektar Ackerfläche. Es sollte kein großes Problem sein, Wohnbauland unter Berücksichtigung auch ökologischer Interessen auszuweisen. Man muss nur wollen und nicht jede Feldmaus vergöttern.

Wenn 6000 Wohnungen pro Jahr entstehen sollen, wird selbst die Entwicklung aller Flächen im Wohnbauland-Entwicklungsprogramm und des Pfingstbergs nicht reichen.

  • Schauen Sie in die Stadtgeschichte: Als sich die Einwohnerzahl Ende des 19. Jahrhunderts in 25 Jahren verdreifachte, hat man große Stadtteile auf der grünen Wiese gebaut, wie das Nordend, das Westend, das Ostend oder Sachsenhausen. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurden unter Ernst May eine Vielzahl neuer Stadtquartiere entwickelt, genannt seien die Römerstadt oder Westhausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete man unter schwersten Bedingungen innerhalb von gut zehn Jahren über 50 Siedlungen für mehr als 300 000 Menschen. Und heute ist man satt und selbstzufrieden und traut sich nicht, an die Leistungen unserer Eltern und Großeltern anzuknüpfen.

Noch einmal: Ein Stadtteil auf dem Acker wird nicht reichen?

  • Man wird nicht nur den Pfingstberg, sondern drei, vier, fünf neue Stadtteile bauen müssen. Und ich gebe Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne) absolut recht: Wenn Menschen in Frankfurt keine Wohnung finden und ins Umland ziehen müssen, kommen sie als Pendler zurück. Das ist ökologisch die größere Belastung.

Sie halten es für besser, Ackerland in Frankfurt zu bebauen als in der Wetterau?

  • Ja. In Frankfurt wird mit einer höheren Dichte gebaut als in der Wetterau. Damit wird weniger Fläche versiegelt und es entsteht weniger Verkehr.

Jedes neue Baugebiet in Frankfurt stößt auf massiven Widerstand.

  • Man muss die Ängste der Menschen ernst nehmen, viel mit ihnen reden und ihnen zeigen, wieso es notwendig ist, diese Baulandentwicklung zu betreiben. Genauso wichtig ist es aber, mehr Partner in der Stadt zu finden, die sich für diesen Wohnungsbau einsetzen und nicht jedem Widerstand nachgeben. Am schlimmsten ist es, wenn Politiker – die die Wohnungsnot kennen – den Widerstand gegen neue Baugebiete noch unterstützen.

Wie gelingt es, dass nicht nur gut Verdienende von den Neubauten profitieren?

  • Zum einen: Zurücknahme der Steuererhöhungen und Schluss mit immer höheren technischen Anforderungen. Zum anderen: bezahlbares Bauland. Dieses entsteht nur über zwei Wege. Einmal über städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen im Außenbereich, die Spekulation verhindern. Der zweite Weg ist die Subventionierung von Bauland durch die Stadt, die Vergabe von Grundstücken nach Konzept und nicht nach Höchstpreis, damit Bauherren ohne Renditeinteresse, etwa Genossenschaften, zum Zug kommen können.

Sollten ABG und Nassauische Heimstätte ihre Siedlungshäuser aufstocken?

  • Im Kampf gegen Wohnungsmangel muss man alle Instrumente einsetzen, Aufstockung, Verdichtung, aber vor allem auch Neubau auf Ackerland. Einzelne Instrumente nicht zu nutzen, führt lediglich dazu, dass die Probleme noch mehr eskalieren.

28.04.2016